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Neu im AareonMAG

Auf dem Weg zu einer digitalen Ethik

Wie Unternehmen ethisch verantwortlich die Digitalisierung gestalten können

Digitale Ethik: verantwortlich handeln in algorithmisierten Zeiten

Die fortwährende Digitalisierung in unserem beruflichen wie privaten Alltag bringt neue Datenströme und personenbasierte Auswertungsmöglichkeiten mit sich. Ob beim Joggen, Online-Shopping, bei der Nutzung von Facebook & Co. oder dem Einsatz von Smart-Home-Diensten: Wir hinterlassen alle jederzeit erkennbare Datenspuren. Mithilfe von Algorithmen sorgen intelligente, „mitdenkende“ Lösungen dafür, dass aus Daten Erkenntnisse werden – die viel diskutierte künstliche Intelligenz (KI) wirkt in immer mehr Anwendungsbereiche hinein. Aber nach welchen Regeln sollten digitale Lösungen funktionieren? Wer hat die Macht über kombinierte Datenbestände und was wird daraus gemacht? Das sind die Kernfragen einer digitalen Ethik, die in unserer heutigen Gesellschaft dringend als Orientierungsrahmen benötigt wird.

Als der Science-Fiction-Autor Issac Asimov in der Kurzgeschichte „Runaround“ bereits 1942 seine sogenannten Robotergesetze aufstellte, hatte die Entwicklung realer Groß-Computer gerade erst begonnen und so etwas wie das Internet lag noch Jahrzehnte entfernt. Dennoch war sich Asimov sicher: Wenn eines Tages Roboter, also automatisch arbeitende Maschinen, Wirklichkeit werden, sollte sich der Mensch überlegen, innerhalb welcher Leitplanken diese Technik agieren sollte. Seine drei Gesetze sind sehr knapp formuliert.

  • Erstens darf ein Roboter einem Menschen keinen Schaden zufügen,
  • zweitens muss er den Befehlen eines Menschen gehorchen (es sei denn, das kollidiert mit dem ersten Gesetz)
  • und drittens muss der Roboter seine eigene Existenz schützen, solange das nicht im Widerstreit mit den ersten beiden Regeln steht
AareonMAG: Digitale Ethik-Roboter
Foto: Alex KnightQuelle: Unsplash

Letztlich hat Issac Asimov damit die Grundlage einer Ethik der Robotik definiert und die Vorlage für einen Ehrenkodex geliefert. Wer sehen möchte, mit welchen Dilemmata wir uns zukünftig konfrontiert sehen könnten, dem sei der Film „I, Robot“ mit Will Smith aus dem Jahre 2004 ans Herz gelegt. Er basiert auf Asimovs später zu einem Roman ausgebauten Vorlage.

Heute haben wir eine Vielzahl an selbsttätig ablaufenden Lösungen, die robotergleich unseren Alltag unterstützen: Der Streamingdienst Netflix macht uns auf Basis unserer bisherigen Auswahl Vorschläge, welche Fernsehserie uns als Nächstes interessieren könnte. Steuersysteme im Auto reagieren auf unser Fahrverhalten und aktivieren die passende Traktion, um eine optimale Spurführung zu gewährleisten. Und die intelligente Heizungssteuerung feuert den Heizkessel im Keller schon an, bevor wir nach Hause kommen, denn sie weiß aufgrund unserer Verhaltensmuster, wann wir eine warme Wohnung bevorzugen. Ganz zu schweigen von den kleinen Robotern in Haushalt und Garten: Sie saugen Staub und mähen den Rasen dann, wenn es nötig ist und kennen dabei jeden Quadratzentimeter unserer Wohnung und unserer Grünanlagen. Sogar um das Aufladen des eigenen Akkus kümmern sie sich selbst.

Auch die beiden letzten Anwendungsfelder sind Ausgangspunkt für die Diskussion einer digitalen Ethik: Wenn alle Dienstleistungsautomaten Daten erfassen, die Auskunft über unseren Alltag und über das geben, was per Verfassung geschützt wird, nämlich die eigene Wohnung – wie wird dann sichergestellt, dass die erzeugten Informationen nicht in die falschen Hände geraten? Dass sie nur für den eigentlichen Zweck verwendet werden und nicht Dritte die Daten zum eigenen Vorteil verwenden, ohne dass wir sie dazu ermächtigt haben?

Die Relevanz dieser Fragen liegt auf der Hand. Das haben auch staatliche Stellen erkannt und Institutionen und Expertenrunden ins Leben gerufen, die helfen sollen, alltagstaugliche Vorgaben für das Miteinander von Menschen und Maschinen zu definieren und dabei geltende gesellschaftliche Werte zu berücksichtigen. Sowohl die EU-Kommission als auch die Bundesregierung haben hierfür eine Datenethikkommission gebildet, in der Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten die nötigen Leitplanken formulieren. Prof. Dr. Christiane Woopen von der Universität Köln, habilitierte Medizinerin und Philosophin, fungiert als Co-Sprecherin des bundesdeutschen Gremiums. Sie verdeutlicht, womit Sie sich mit ihren Experten-Kollegen beschäftigt: „Wir überlegen in der Datenethikkommission, wie für Wertschöpfungsketten Daten am besten genutzt werden können und wer das Zugriffsrecht darauf haben sollte. Aspekte wie Datentreuhänderschaft und Datengenossenschaften spielen da eine Rolle, über die existierenden Regeln des Datenschutzes hinaus.“ Für Prof. Woopen trägt eine ethische Gestaltung des Umgangs mit Daten und algorithmischen Systemen dazu bei, dass letztlich Rahmenbedingungen für ein sinnvolles Leben, für die persönliche Entfaltung des Menschen und gesellschaftliche Wohlfahrt geschaffen werden. In Zeiten, in denen wir vielen digitalen und selbstständig agierenden Systemen immer mehr Einflüsse zubilligen, müssen Freiheit und Demokratie gewährleistet werden.

Empfehlungen für eine digitale Ethik der Zukunft

Auf einer internationalen Ebene hat daher die OECD im Frühjahr 2019 fünf zentrale Prinzipien für die Gestaltung künstlicher Intelligenz ausgegeben. Ganz im Sinne der Asimovschen Robotergesetze geht es darum, dass intelligente Lösungen oder „Maschinen“ der Zukunft zum Wohle aller Menschen auf Basis ethischer Prinzipien funktionieren sollten. Diese Empfehlungen haben keine Rechtsverbindlichkeit, setzen aber international einen Rahmen, auf den sich staatliche Gesetzgebung beziehen kann:

  • KI soll allen Menschen auf der Welt dienen, indem sie Wohlstand für alle, nachhaltige Entwicklung und gute Lebensbedingungen fördert.
  • KI-Systeme sollten so gestaltet werden, dass sie Gesetze, Menschenrechte, demokratische Werte und Gleichberechtigung respektieren. Hierfür sollten entsprechende Sicherungen in die Systeme eingebaut werden. Der Eingriff des Menschen im Falle der Regelverletzung durch Maschinen sollte jederzeit möglich sein.
  • Intelligente Systeme und KI-Lösungen sollen so transparent sein, dass Menschen die aus der Datenverarbeitung generierten Ergebnisse verstehen und in sie eingreifen können.
  • Sicherheit soll im gesamten Produktzyklus von KI-Systemen gewährleistet sein, mögliche Risiken sollen fortwährend überwacht und gesteuert werden können.
  • Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen, die KI-Lösungen entwickeln und anwenden, sollen für das – diesen Regeln folgende – Funktionieren verantwortlich gemacht werden können.
AareonMAG: Digitale Ethik-Graffity
Foto: DJ JohnsonQuelle: Unsplash

Weltweit für Aufsehen hat das Social-Scoring-System in China gesorgt. In einer sehr differenziert austarierten Systematik, die sich vieler Datenquellen wie Social-Media-Aktivitäten, Online-Shopping, mittels Überwachungskameras erzeugten Bewegungsprofilen und der Nutzung staatlicher Apps bedient, wird ein individueller „Punktestand“ ermittelt. Wie verhält sich der Bürger, was äußert er über den Staat? Die Chancen für die Auswahl einer Wohnung, das persönliche Fortkommen im Berufsleben und andere entscheidende Aspekte des Lebens werden hieraus abgeleitet – der Staat entscheidet über Wohl und Wehe auf Basis digitaler Datenströme. Es wird deutlich, dass sich einerseits zwar Regeln für eine digitale Ethik aufstellen lassen – andererseits aber gerade ihre internationale Durchsetzung auch schnell an Grenzen stößt, wenn Institutionen sich schlicht der Umsetzung verwehren und die Daten sogar gegen den Menschen verwenden.

Auf dem Weg zu einem digital-ethischen Imperativ

Die Definition von Regeln für eine digitale Ethik ist also längst ein wichtiges Handlungsfeld für Politik und Wirtschaft, aber auch für jeden Einzelnen von uns. Ethische Leitplanken dürfen aber nicht nur einer theoretischen Debatte und zunehmenden Sensibilisierung dienen. Sie sollen vielmehr praktische Hilfestellung leisten für privates sowie berufliches Handeln.

Digitale Ethik fängt beispielsweise schon bei einer nutzerorientierten Entwicklung von Technologien an. Das schließt Entscheidungen darüber ein, welche Systeme zum Einsatz kommen und welche Daten eigentlich erfasst und verarbeitet werden. Auch in der Digitalstrategie von Unternehmen sollten diese Aspekte berücksichtigt werden. Denn die digitale Transformation verändert die Arbeitswelt der Mitarbeiter nachhaltig. Die Zahl von KI-Lösungen sowie die Menge an auswertbaren Daten wird weiter zunehmen. Die damit einhergehenden Veränderungsprozesse verlangen Flexibilität und Neuorientierung von jedem Mitwirkenden oder Betroffenen. Deshalb geht es in einer digitalisierten Arbeitswelt um eine ethische Werteorientierung, die die Achtsamkeit gegenüber den Mitarbeitern in den Mittelpunkt rückt: Wie ermöglichen Führungskräfte Freiräume, in denen angesichts einer Beschleunigung und Automatisierung von Arbeitsprozessen innegehalten werden kann – gerade, um Innovationsfähigkeit und Produktivität zu erhalten und Überlastungen zu vermeiden? Digitale Ethik wird somit auch zu einem zentralen Führungs- und Gestaltungselement.

Die Datenethik-Expertin Prof. Dr. Christiane Woopen macht deutlich, wie sich das konkret umsetzen lässt: „Unternehmerisches Handeln steht wie jedes menschliche Handeln unter den Bedingungen einer besonderen Verantwortung – in diesem Fall derjenigen, für den Erhalt von Arbeitsplätzen, menschengerechte Arbeitsbedingungen und die Stärkung der sozialen Marktwirtschaft einzutreten. Digitalisierung ist dabei nur Mittel, niemals Ziel.“ Die Maßstäbe für gutes unternehmerisches Handeln in einem ethisch fundierten Sinne hätten sich nicht geändert, nur die Anwendungsbedingungen seien einem Wandel unterzogen gewesen: „Die ethische Maxime für unternehmerisches Handeln ist unverändert. Lediglich die Mittel, die man einsetzen muss und kann, um seine Führungsaufgabe auszufüllen, haben sich weiterentwickelt. Letztlich ist nach wie vor die wichtigste Maxime für eine Führungspersönlichkeit diejenige, sich unverdrossen und unverbrüchlich an der Entfaltung des Menschen zu orientieren.“

Ein Appell ist Prof. Dr. Woopen stets wichtig, den sie bei Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen wiederholt, wenn die Begriffe „Regeln“ und „Algorithmen“ fallen: Die Zukunft sollte keine Rechenaufgabe, sondern eine Gestaltungsaufgabe sein, denn es gehe nicht um die Auswertung von Daten, sondern um das Erkennen von Bedeutungen und um Sinnstiftung. Der ethische Wert der Digitalisierung bemesse sich darin, inwieweit sie uns Freiheiten und – im ethischen Sinne – Entfaltungsbedingungen gewährt. Nicht digitale Plattformen, die algorithmisch Persönlichkeitsprofile erstellen und dann individuell zugeschnittene Werbung oder Informationen verschicken, um eigene Interessen zu verfolgen, sollten den Takt vorgeben – unsere Privatsphäre ist vielmehr eine wichtige Bedingung von Freiheit. Und: „Ethik und Regeln sollten nicht als etwas Eingrenzendes verstanden werden, sondern vielmehr als Grundlage für Ermöglichungsbedingungen.“

Alle aufgezeigten Aspekte einer digitalen Ethik zusammenfassend heißt das, dass Themen wie Privatsphäre, soziale Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Fortschritt und die Kontrolle künstlicher Intelligenz auf der Agenda derjenigen stehen, die die Digitalisierung ethisch verantwortlich mit- und weiterentwickeln wollen. Und das sind nicht nur Politiker – das sind auch Vorstände, Geschäftsführer und letztlich wir alle, die an der weiteren Gestaltung einer digital geprägten Gemeinschaft mitwirken.


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