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Feature

Die digitale Nachbarschaft

Wie Nachbarschaftsplattformen das tägliche Miteinander unterstützen können
AareonMAG: Digitale Nachbarschaft cap
Foto: Nina StrehlQuelle: Unsplash

Die Menschen haben sich an digitale Kontaktpflege gewöhnt: Der Erfolg von Online-Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter zeugt davon. Zu digitalen Legenden sind in Deutschland StudiVZ und SchülerVZ geworden – diese einst erfolgreichen Angebote gibt es nicht mehr, haben aber die Idee digitaler Gemeinschaften weit verbreitet. Und das nicht nur bei jungen Nutzern: Websites wie StayFriends und Wer-kennt-wen haben auch bei der Generation 50+ Erfolg, wenngleich es hier eher um die Pflege und Reaktivierung alter (Schul-)Freundschaften geht. Was liegt angesichts dieser etablierten Landschaft digitaler Austauschorte näher, als auch für Nachbarschaften ähnliche Lösungen anzubieten?

Ein neuer dynamischer Markt

In Deutschland gibt es mehrere Plattformen, die genau dieser Idee nachkommen. Sie heißen Nachbarschaft.net, Allenachbarn.de oder – die erfolgreichste unter ihnen – Nebenan.de. Seit Juni 2017 mischt das aus den USA kommende Nextdoor (Nutzerzahlen dort: über 9 Millionen) auf diesem neu entstandenen Markt mit und versteht sich von Beginn an als Konkurrenz für die hier etablierten Player. Dass hier durchaus lukrative wirtschaftliche Perspektiven gesehen werden, zeigt die Tatsache, dass der Investor Lakestar und das Medienunternehmen Burda 16 Millionen in Nebenan.de gesteckt haben. Gründer Christian Vollmann kennt sich mit dem Aufbau erfolgversprechender Plattformen aus. Er hat schon Myvideo.de im Markt positionieren können. Was macht die neuen Plattformen aber im Detail aus, was bieten sie und wie können sie das Miteinander zwischen Mietern und Nachbarn neu gestalten helfen?

Im Prinzip geht es um den online unterstützten Aufbau von Nachbarschaftsbeziehungen – sozusagen um ein Facebook für die Nachbarschaft. Es geht um Hilfsangebote, die Suche nach Mitstreitern für sportliche Aktivitäten oder um die Funktion als Schwarzes Brett im Netz. E-Bay-Kleinanzeigen und Facebook-Funktionen, Schwarzes Brett, Tauschbörsen und der Überblick über Aktivitäten in der direkten, analogen Nachbarschaft: All das versammeln die Nachbarschaftsportale als ein Angebot. Hier liegt der Mehrwert: Dass man für nachbarschaftliche Belange nicht mehrere Websites oder Apps parallel im Auge behalten muss, sondern alles gebündelt vorfindet – und unabhängig von den Big Playern wie Facebook & Co. ist.

AareonMAG: Digi Nachbarschaft coffee
Foto: Tyler NixQuelle: Unsplash

An vorderster Stelle stehen Vertrauen und (Daten-)Sicherheit

Während die großen Social-Media-Plattformen eine schnelle Anmeldung ohne Überprüfung der Identität erlauben, gestaltet sich der Anmeldeprozess zum Beispiel beim Marktführer Nebenan.de (800.000 Nutzer, strukturiert in 6.500 Nachbarschaften) für das Online-Zeitalter ungewohnt detailliert. Ohne vollständigen Vor- und Nachnamen läuft hier zunächst gar nichts, denn es geht darum, „...dass ihr Euch auf der Plattform als echte Nachbarn begegnet“, so die Plattformbetreiber. Die Verifikation der eingegebenen Adresse – wichtig, um der „richtigen“ Nachbarschaft zugeordnet werden zu können – erfolgt dann digital per Upload eines Fotos des Personalausweises oder eines offiziellen Dokuments wie der letzten Stromrechnung oder durch einen Zugangscode zugestellt per Postkarte, die ein paar Tage später im Briefkasten des neuen Nutzers liegt.

In Zeiten, in denen das Thema Datenschutz bei jedem ins Bewusstsein gerückt ist, schafft das von Beginn an Vertrauen in die Plattform. Zudem sind Nutzer heute auch kritischer als in den Jahren zuvor – und so müssen sich Plattformen wie Nebenan.de den kritischen Fragen von Nutzern, Verbraucherschützern und der Öffentlichkeit stellen. Entsprechend umfangreich ist die zu Mai 2018 aktualisierte Datenschutzerklärung auf Nebenan.de – die Wirkung der nunmehr endgültig umzusetzenden Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) ist auch hier zu spüren. Die Plattform Allenachbarn.de hat vor diesem Hintergrund ihren Betrieb sogar ausgesetzt, denn auf der Startseite ist zu lesen: „Wir machen erst einmal Pause, bis wir wissen, wie wir die DSGVO sinnvoll umsetzen können.“ Es gilt eben im Digitalen wie im Analogen: Die Grundlage einer guten Nachbarschaft ist Vertrauen.

Das Beste aus beiden Welten: Wie analoge und digitale Nachbarschaften verschmelzen können

Am erfolgversprechendsten scheinen daher vertrauensbildende Maßnahmen und Wesenszüge bei digitalen Nachbarschaftsplattformen. So hat es auch der Ortsbürgermeister Dominik Schmengler in der niedersächsischen Ortschaft Meyenburg gesehen. Die digitale Nachbarschaft für die 1.400 Einwohner war eine der ersten von Nebenan.de im ländlichen Raum und wurde im engen Kontakt mit den Betreibern in Berlin auf den Weg gebracht. „Ich habe die Plattform gewählt, weil sich User hier nur mit Vollnamen und legitimierter Adresse anmelden dürfen – keine Minnie Mouse, kein Darth Vader, sondern Dominik Schmengler ist der Nachbar. Das beugt einer Hate-Speech-Kommunikation vor und schafft einen Vertrauensraum“, erklärt Dominik Schmengler. Auch seien Navigation und Oberfläche sehr klar aufgebaut, Mitteilungen gut strukturiert und „rutschten“ daher nicht durch.

AareonMAG: Digitale Nachbarschaft Area
Foto: Bruno MartinsQuelle: Unsplash

Was war die schwierigste Hürde bei der Einführung? „Wir mussten zunächst eine kritische Masse von mindestens 60 bis 70 Nutzern erreichen. Da ich jedoch unter anderem alle Vereinsvorsitzenden der hiesigen Organisationen im Vorfeld eingebunden habe und sie um Anwerbung bat, sind wir rasch gewachsen – heute findet ein täglicher Austausch der Nutzer auf der Plattform statt. Es bedarf im Übrigen keines Administrators, sondern nur eines Pioniers, der die Nachbarn einlädt“, so Schmengler zur Startphase der digitalen Nachbarschaft in Meyenburg. Es zeigt sich, dass ein analoger Vorlauf ein sehr begünstigender Erfolgsfaktor für die digitale Nachbarschaft sein kann – mit Wechselwirkungen in beide Richtungen: „Als Ortsbürgermeister habe ich übrigens durch Nebenan.de Mitbewohner und Mitbewohnerinnen kennengelernt, von denen ich bisher nicht wusste, dass sie in Meyenburg wohnten.“ Schmengler sieht in der digitalen Nachbarschaft eine „absolut zeitgemäße Flankierung unseres digitalen Daseins“, aus der persönliche Begegnungen, gemeinsame Veranstaltungen und Nachbarschaftshilfe erwachsen: „Man kennt sich halt wieder von nebenan.“

Nachbarschaftsportale in Zeiten neuer Datenschutzregeln und „always on“

Aktuell schauen übrigens die Betreiber von Nachbarschaftsportalen mit Interesse in Richtung EU-Parlament. Im Juli 2018 steht die Reform des Urheberrechts auf europäischer Ebene an, die u. a. sogenannte Uploadfilter vorsieht. Die Betreiber von Online-Plattformen müssten demnach dafür sorgen, dass ihre Nutzer kein urheberrechtlich geschütztes Material ohne Lizenz hochladen. Bislang mussten die Plattformen dann aktiv werden, wenn Nutzer oder Rechteinhaber einen Verstoß melden. In Zukunft müssen sie aber sicherstellen, dass urheberrechtlich zweifelhaftes Material gar nicht erst den Weg auf ihre Plattform findet. Es wird spannend zu sehen sein, wie sich das in der Praxis darstellt. Aber schon die Einführung der EU-DSGVO hat gezeigt: Es entsteht mehr Unruhe, als wirklich nötig ist. Wer immer schon auf den Schutz von Daten sowie Nutzer- und Urheberrechten nach deutscher Gesetzgebung geachtet hat, wird auch neuere Regelungen umsetzen können. Entscheidend ist tatsächlich eher, dass nunmehr allen Beteiligten – auch jedem Nutzer – die Relevanz des Themas Datenschutz vor Augen geführt worden ist.

Der Mehrwert aller digitalen Plattformen, die Menschen und Interessen vereinen, bleibt bei all dem unbestritten. Erst recht in einer digital vernetzten Welt, in der viele von uns jederzeit auch von unterwegs nach Informationen suchen, Angebote vergleichen oder digitale Kontakte pflegen. Das gilt nicht nur für städtische Ballungsgebiete. Der Meyenburger Ortsbürgermeister Schmengler bestätigt das auch aus der ländlichen Perspektive: „Holen wir uns nicht ohnehin ganztags zwischendurch die Informationen, die wir wünschen? Besonders soziale Medien unterliegen keinen Mittagspausen oder Abendbrotzeiten.“ Unsere ständigen digitalen Begleiter in Form von Smartphones und Tablets haben die Nachbarschaftsplattformen daher auch von Beginn an fest im Blick: Alle bieten sie eine App, mit der die Nachbarschaftspflege jederzeit möglich ist. In der Wohnungswirtschaft werden Kundenbeziehungen mittlerweile ebenfalls online per App gepflegt (lesen Sie hier, wie die LEG per App den Dialog mit den Mietern neu gestaltet). Die Verknüpfung von Wohnungsservice und Nachbarschaftsdiensten liegt da als nächster Schritt auf der Hand – damit die analoge und digitale Nachbarschaft das richtige und zeitgemäße „Kommunikationsscharnier“ erhalten.


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