Verwendung von Cookies

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Teaserbild
Reportage

Im hohen Alter in den eigenen vier Wänden

Zuhause ein selbstbestimmtes Leben im Alter führen – dank Technologie und Service
Technologie und Service ermöglichen selbstbestimmtes Leben im Alter.
Technologie und Service ermöglichen selbstbestimmtes Leben im Alter.

Ich stehe vor einem Haus in Bamberg und drücke die Klingel. Die Haustür öffnet sich von selbst, zumindest drückt niemand eine Klinke. Erst als ich mich beim Betreten des „Living Lab“ umdrehe, sehe ich, dass Anton Zahneisen einen Knopf an seinem elektronischen Schlüssel gedrückt hat. „Der Assistenz-Charakter unseres Musterhauses muss ja schon vom ersten Moment an spürbar sein“, erläutert mir der Geschäftsführer der SOPHIA living network GmbH, als wir sein Wohnzimmer betreten.

Meine Reise hat mich nach Bamberg geführt, um mir von der Joseph-Stiftung zeigen zu lassen, wie die Zukunft des Wohnens im Alter aussieht. Das kirchliche Wohnungsunternehmen ist Konsortialführer des europäischen Projekts „I-stay@home“. Zusammen mit Partnern aus fünf Ländern (darunter auch die französische Aareon France SAS in Meudon la Forêt) möchte man in Franken herausfinden, wie IT-Lösungen ein Leben in den eigenen vier Wänden im Alter unterstützen können. Das Projekt-Kürzel steht für ICT SoluTions for an Ageing SocietY (Informations- und Kommunikationstechnik für eine alternde Gesellschaft). Es geht also um viel Technik im Haus. Sie ist aber nur ein Mittel zum Zweck, denn im Kern geht es um Servicekonzepte für das Wohnen der Zukunft.

SOPHIA – virtuelles Servicekonzept für Mieter

„Unser Projekt SOPHIA, das wir zwischen 2002 und 2004 in Zusammenarbeit mit dem seinerzeitigen Bundesgesundheitsministerium durchgeführt haben, hatte die Entwicklung eines virtuellen Betreuungskonzeptes zum Ziel“. Damit erläutert mir der Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung, Dr. Wolfgang Pfeuffer, den Hintergrund des Vorhabens. „Die dort gewonnenen Erkenntnisse haben wir in ein tragfähiges Geschäftsmodell überführt und die SOPHIA Franken GmbH & Co. KG und schließlich die Tochtergesellschaft SOPHIA living network GmbH gegründet“.

Das Tochterunternehmen betreibt eine Servicezentrale für Dienstleistungen wie Hausnotruf, medizinisch-pflegerische Betreuung und Angehörigenberatung. Es bietet ein Netzwerk von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, die mit Pflegediensten und lokalen Dienstleistern zusammenarbeiten. Zu 1.500 „Kunden“ hält SOPHIA permanenten Kontakt. „Wir möchten innovative Technologie und soziale Betreuung wegweisend zusammenführen. Gleichzeitig ist uns daran gelegen, bereits am Markt verfügbare Lösungen zu verwenden. Unser Servicekonzept mit dem Ansatz des Ambient Assisted Living (AAL) zu kombinieren, ist das ganz praktische Ziel unserer Arbeit“, beschreibt mir Anton Zahneisen den Ansatz der Joseph-Stiftung.

Dr. Wolfgang Pfeuffer ist Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung.
Dr. Wolfgang Pfeuffer ist Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung.

Leben im Musterhaus

Er führt mich weiter durch das Musterhaus, das im Bamberger Gärtnerland steht. Standort und Gebäudetyp sind nicht ohne Grund gewählt: „Die Entscheidung fiel auf ein SmartHouse des gleichnamigen Herstellers aus dem westfälischen Löhne. Die Modulbauweise lässt individuelle Kombinationen kubischer Elemente zu. Es ist auf den Einbau modernster Technik bei gleichzeitiger Barrierefreiheit ausgerichtet. Eine energetisch wegweisende Bauweise und die Möglichkeit, das Haus jederzeit woanders aufzustellen, haben uns überzeugt“.

Das „smarte“ und „mobile“ Heim benötigte lediglich eine Brache – hier am Stadtrand war sie schnell gefunden. „Der SmartHouse-Ansatz passt gut zu unseren Projektzielen, weil das Gebäudekonzept ganz klar das selbstbestimmte Leben im Alter im Fokus hat.“

Als wohnungswirtschaftliches Unternehmen prüft die Joseph-Stiftung auch, ob sich SmartHouse-Wohneinheiten vermarkten lassen. „In verdichteten Städten mit historischem Kern wie Bamberg ist das SmartHouse nichts für die Innenstadt, weil zu wenig finanzierbare Flächen verfügbar sind. Aber für ländliche Gegenden oder den Stadtrand eignet sich das Konzept gut. Ein Grundstück reicht, den Rest erledigt der Hersteller. Das Haus wird fertig eingerichtet angeliefert und einfach auf die Fläche gesetzt.“ Für Genossenschaften im ländlichen Raum mit wenigen Wohneinheiten ist das SmartHouse demnach eine interessante Alternative, zumal sie als energetisch sinnvolle Lösung weniger Betriebskosten verursacht.

2012 wurde das „LiLa“, das von Anton Zahneisen und seiner Frau bewohnte Musterhaus, errichtet und bezogen. „Wir haben bislang über 1.000 Besucher begrüßen dürfen. Das ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, ständig Gäste zu empfangen. Aber man gewöhnt sich daran und ein bisschen Zeigestolz muss man schon einräumen“, umschreibt Zahneisen das Leben als aktiver Projektteilnehmer.

„Wir sind bis heute das einzige Wohnungsunternehmen, das sich ein bewohntes Muster leistet – die anderen Musterhäuser oder -wohnungen sind leerstehende Objekte“, ergänzt Stiftungs-Vorstandssprecher Pfeuffer. Und bestimmt ist das Musterhaus in Bamberg das einzige mit einem Rasenmäh-Roboter – der fährt während unseres Gesprächs über den Rasen hinter dem Haus. Und zeigt damit ganz plastisch auf, dass der stets frisch gemähte Rasen auch ohne eigenen körperlichen Einsatz möglich ist.

Der Garten des Musterhauses wird von einem Rasenmäh-Roboter gepflegt.
Der Garten des Musterhauses wird von einem Rasenmäh-Roboter gepflegt.

Nachdem ich in den Projektzusammenhang eingeführt worden bin, zeigen mir Zahneisen und Pfeuffer die technischen Finessen des Hauses im Detail. In der Küche „kommunizieren“ die Haushaltsgeräte miteinander und melden sich mit ihren Betriebs- oder Füllzuständen. Über dem Herd befindet sich eine Kochplattenüberwachung, die schnurlos mit einem Signalgeber verbunden ist.

Anton Zahneisen: „Über unsere Hausautomationsumgebung SOPHITAL kann auch die SOPHIA-Servicezentrale alarmiert werden – zu verschiedenen Vorkommnissen und Zuständen im Haus. Das kann Rauch sein, aber auch ein zu volles oder überlaufendes Waschbecken oder ein offenes Fenster“. Er zeigt mir, dass er den Signalgeber auch umprogrammieren kann, indem statt eines Signaltons ein Hundebellen ertönt. Das vernetzte Haus als Einbrecherschreck – auch eine clevere Idee.

Die Haushaltsgeräte in der Küche kommunizierten miteinander.
Die Haushaltsgeräte in der Küche kommunizierten miteinander.
Die Hausautomationsumgebung alamiert die SOPHIA-Servicezentrale.
Die Hausautomationsumgebung alamiert die SOPHIA-Servicezentrale.

Im Flur des Hauses, das aus zwei SmartHouse-Modulen besteht und rund 100 Quadratmeter Wohnfläche bietet, hängt in einer Wandhalterung ein iPad. „Meine Mutter ist Kundin des SOPHIA-Netzwerkes. Mit dem intelligenten Baukastensystem SOPHITAL kann ich mir Parameter aus ihrer Wohnung, wie Temperatur oder Schließzustand der Wohnungstür über das iPad ansehen“, erklärt mir Anton Zahneisen die Anzeige auf dem Display.

Während wir miteinander sprechen, zeigt die App an, dass die Wohnungstür geöffnet wurde. „Dann scheint meine Mutter jetzt das Haus zu verlassen“, merkt er an. Ist es den Menschen denn überhaupt geheuer, dass sie im Grunde genommen überwacht werden können? „Man sieht, dass die Menschen sehr schnell Vor- und Nachteile abwägen. Zugunsten der möglichen Services finden viele die Datentransparenz nicht so problematisch. Selbst wenn sich die aktuellen Diskussionen noch um NSA & Co. drehen“, antwortet mir Dr. Pfeuffer.

Alle Daten können mobil eingesehen werden.
Alle Daten können mobil eingesehen werden.

Die weitere Besichtigung zeigt mir, was noch alles im „Living Lab“ steckt: Bewegungsmelder, ein biologisches Lichtsystem und ein intelligenter Hausnotruf mit einer Armbanduhr als unauffälligem Sensor und Kommunikator. Außerdem mobile Paniktaster, ein Staubsauger-Roboter und ein Computer, der die Vital-Parameter der Zahneisens erfasst.

Die Kombination dieser Lösungen erlaubt es Bewohnern zum Beispiel im Notfall aus der Badewanne einen Notruf abzusetzen – und bei Unbeweglichkeit eintreffenden Servicekräften per Knopfdruck die Haustür zu öffnen. Das Thema Gesundheitsmonitoring wird ebenfalls abgedeckt – das „LiLa“ kann auch einen Beitrag zur digitalen Gesundheitsprävention leisten.

Eine Armbanduhr dient als intelligenter Hausnotruf.
Eine Armbanduhr dient als intelligenter Hausnotruf.
Das Living Lab kann einen Beitrag zur digitalen Gesundheitsprävention leisten.
Das Living Lab kann einen Beitrag zur digitalen Gesundheitsprävention leisten.

Perspektive: „Vernetztes Quartier“

„Wir hatten zunächst gedacht, dass wir die Funktionen und Parameter des Hauses am besten über den Fernseher einstellen“, schaut Anton Zahneisen auf die Projektanfänge zurück. „Wir haben den Erfolg der Tablets nicht voraussehen können. Das sind heute die bevorzugten Endgeräte für die Bedienung eines Hauses wie dem Living Lab, auch bei älteren Zielgruppen.“

Das „LiLa“ wird noch viele Besucher empfangen und Anton Zahneisen und seine Frau werden noch oft die Möglichkeiten des im Wortsinne smarten Hauses vorführen. Die Joseph-Stiftung denkt schon einen Schritt weiter: Ein Folgeprojekt soll das Thema des IT-unterstützten Wohnens in einer logischen Fortführung für ganze Quartiere erforschen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja schon bald in Bamberg ein „vernetztes Quartier“ zu besichtigen.

Neue Artikel aus unserem Magazin