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Reportage

Kaufst du noch – oder teilst du schon?

Egal, ob es um Kleider, Autos oder Wohnungen geht – die Shareconomy praktiziert eine neue Form des Konsums.

Shareconomy, die Wirtschaft des Teilens, steht für eine neue Haltung in Sachen Konsum, bei dem Dinge eher geteilt als gekauft werden. Ob Kleidungsstücke, die man zunächst probeweise trägt, Wohnungen, die man zeitweise bewohnt oder Autos, die man sich mit anderen Nutzern teilt – das „sharen“ hat ein breites Branchenspektrum erfasst.

Was man alles teilen kann: Fahrräder, ...
Was man alles teilen kann: Fahrräder, ...
... auch Musik muss man heutzutage nicht mehr kistenweise selbst besitzen. Vielen reicht es, wenn sie Musik einfach nur hören können.
... auch Musik muss man heutzutage nicht mehr kistenweise selbst besitzen. Vielen reicht es, wenn sie Musik einfach nur hören können.
Oder gleich die eigenen Wohnung mit anderen teilen?
Oder gleich die eigenen Wohnung mit anderen teilen?

Wie wirkt sich dieser Trend auf die Wohnungswirtschaft aus? Welche Beispiele der Shareconomy sollte man kennen – und was sagen Experten zu dem Trend?

Die Menschen ändern ihr Mobilitätsverhalten. Nirgendwo ist das so klar zu erkennen wie in Städten: Straßenbahnen erleben eine Renaissance und für Kleinwagen wie den Smart gibt es spezielle Parkzonen. Fahrräder werden durch den Erfolg der E-Bikes auch für innerstädtische Pendler zum alltäglichen Fortbewegungsmittel.

Und immer häufiger entscheiden sich die Stadtbewohner gegen den Kauf eines eigenen Autos und für die Nutzung von CarSharing-Angeboten.

Autos gemeinsam nutzen – warum auch 23 Stunden am Tag nutzlos herumstehen lassen, wenn andere es gut gebrauchen könnten?
Autos gemeinsam nutzen – warum auch 23 Stunden am Tag nutzlos herumstehen lassen, wenn andere es gut gebrauchen könnten?

Durch die die organisierte gemeinschaftliche Nutzung eines oder mehrerer Automobile sparen sie Betriebskosten, verbrauchen weniger Parkflächen und sind flexibel in der Auswahl des Verkehrsmittels.

Damit entsprechen diese mobilen, „urban“ denkenden Menschen einer Entwicklung, die in den letzten Jahren branchenübergreifend bemerkenswerte Impulse für ein neues Wirtschaften gesetzt hat: Die so genannte Shareconomy beschreibt den Ansatz, dass Konsumenten nicht alles besitzen müssen, aber durch Bereitstellung entsprechender Services vielfältige Angebote jederzeit nutzen können.

Shareconomy

Die so genannte Shareconomy beschreibt den Ansatz, dass Konsumenten nicht alles besitzen müssen, aber durch Bereitstellung entsprechender Services vielfältige Angebote jederzeit nutzen können. Der Motor dieser Veränderung war zu weiten Teilen das Internet. Zum einen, weil Waren und Dienstleistungen durch Online-Portale viel schneller angeboten und bestellt werden können als zu Offline-Zeiten. Zum anderen, weil durch die Zunahme der mobilen Internetnutzung Angebote in dem Moment wahrgenommen oder bestellt werden können, in dem die Nachfrage entsteht.

Wer zum Beispiel ein Auto benötigt, kann mittels der passenden App auf seinem Smartphone nachschauen, wo das nächste freie Auto seines bevorzugten CarSharing-Anbieters abgestellt wurde. Mit einem Fingertipp ist das Fahrzeug gebucht. Zusätzlich zeigt die Navigationsfunktion des Smartphones den Weg zum Fahrzeug auf.

CarSharing für Mieter als Service

Erste Unternehmen der Wohnungswirtschaft stellen sich diesen Veränderungen mit neuen Angeboten. So hat der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V. (VNW) das Potenzial der Shareconomy erkannt und ist Anfang 2014 eine Kooperation mit dem Anbieter „cambio Hamburg CarSharing“ eingegangen.

Im Mittelpunkt der Vereinbarung stehen die Errichtung und der Betrieb von cambio-Stationen in Wohnquartieren und Wohnanlagen interessierter Verbandsunternehmen. VNW-Verbandsdirektor Dr. Joachim Wege nennt die Initiative ein „quartierbezogenes Mobilitätskonzept“, dass dem Verhalten seiner Kunden Rechnung trägt und so einen zusätzlichen Service für Mieter bietet. Wohnungsunternehmen können ihren Bewohnern auf diese Weise eine CarSharing-Möglichkeit direkt vor der Haustür bieten.

Dabei hat man auch an die jüngst vom Hamburger Senat aufgehobene Stellplatzpflicht für Wohnungsneubauten gedacht. Bei künftigen Wohnanlagen kann nicht nur aus unternehmerischen Gesichtspunkten die anteilige Fläche für Parkplätze zugunsten der Wohnfläche reduziert werden. Man entspricht auch dem geänderten Verhalten der städtischen Wohnbevölkerung.

Ähnliche Services bieten auch andere Wohnungsbaugesellschaften. Die „Frankfurter ABG Holding“ ist zu einem Drittel am CarSharing-Unternehmen „Book-n-Drive“ beteiligt und bietet den eigenen Mietern das neue Mobilitätskonzept an. Das Wohnungsunternehmen scheint den richtigen Partner gefunden zu haben, denn der CarSharing-Dienst verzeichnet 200 Neukunden monatlich, insgesamt nutzen das Angebot bereits 11.000. An 200 Stationen im Rhein-Main-Gebiet lassen sich mehrere hundert Autos ausleihen.

Für ABG-Geschäftsführer Bernd Uetsch liegt der Grund für das Engagement auf der Hand: „Wer eine Wohnung mietet, will auch gut angebunden sein“. Im fränkischen Nürnberg kooperieren die „Wohnungsbaugesellschaft wbg“ und die „Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG) Nürnberg“.

Im Pilotprojekt „bewegt.wohnen“ wird wbg-Mietern bis 2016 das Angebot gemacht, Fahrzeuge des Dienstleisters „Greenwheels“ zu bestimmten Rabatten nutzen zu können und bei den Abo-Ticket-Modellen des ÖPNV-Anbieters „VAG“ ebenfalls Vergünstigungen zu erhalten.

Generation „flexibel“

Marktforscher sprechen bei der Beschreibung dieser „neuen“ Konsumenten von der „flexiblen Generation“. Sie meinen damit Menschen, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden. Für sie gilt: Der Arbeitsmarkt verspricht keine kontinuierlichen Anstellungsverhältnisse über mehrere Jahrzehnte, so wie das noch für ihre Eltern der Fall gewesen ist.

Daher stellen sich Vertreter dieser Generation schon zu Beginn ihres Berufslebens darauf ein, Wohn- und Arbeitsort öfter zu wechseln. Besitz wie Möbel oder Immobilien ist in diesem Szenario etwas, dass die nötige Flexibilität erschwert. Wer nicht viel besitzt, ist im Wortsinne beweglicher.

Airbnb

Der Gedanke des Teilens war auch die Grundlage für einen „Star“ der Shareconomy-Szene, bei dessen Geschäftsmodell das Thema Wohnen im Mittelpunkt steht. Quasi als weltweite Mitwohnzentrale hat sich „Airbnb“ („Airbnb“ leitet sich von „Airbed and Breakfast“ ab) einen Namen gemacht. Gegründet wurde das Unternehmen 2008 in San Francisco.

Auf der Website findet man Angebote von Wohnungsinhabern, die Reisenden eine einfache Möglichkeit bieten, vor Ort unterzukommen – Kontakt zu Einheimischen inklusive, da man ja in einer „normalen“ Wohnung mitwohnt. Die Airbnb-Webseite bietet die Struktur, um die angebotenen Wohnungen nach Ort, Preis und Ausstattung zu differenzieren. Ein über die Jahre ausdifferenziertes Qualitätssicherungssystem sorgt dafür, dass die eingestellten Fotos von den Wohnungen und die Angeben zu den Objekten auch der Wahrheit entsprechen.

Mittlerweile hat Airbnb den Charakter eines Verzeichnisses von weltweit verfügbaren Ferienwohnungen entwickelt – wenngleich immer noch mit dem Charme einer Online-Mitwohnzentrale. Bereits ein Jahr nach Eröffnung des deutschen Airbnb-Büros in Hamburg konnten 400.000 Übernachtungen in Airbnb-Privatunterkünften vermittelt werden. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 500.000 Unterkünfte in über 190 Ländern und die Marke von 10 Millionen vermittelten Übernachtungen wurde bereits 2012 überschritten.

Rechtliche Hürden für die Sharing Economy

Der Erfolg von Airbnb hat nicht nur die klassische Hotelbranche aufgeschreckt. Mittlerweile fühlen sich auch Behörden auf den Plan gerufen. In der Metropole New York, mit ihrem teuren Wohnungsmarkt, sind Mietwohnungen wie auch Ferienunterkünfte bisweilen kaum bezahlbar. Daher kommt vielen Mietern die Möglichkeit, die eigene Bleibe zumindest tageweise über Plattformen wie Airbnb zu vermieten, gerade recht.

In den Augen des New Yorker Generalstaatsanwalts sind über 60 Prozent dieser Vermietungen aber illegal. In der Stadt an Hudson und East River ist eine Untervermietung von Wohnraum für Zeiträume von weniger als 30 Tagen nicht erlaubt und New York fürchtet zudem den Missbrauch von städtischen Sozialwohnungen, die per Airbnb vermittelt werden.

Ein aktuelles Urteil zur verlangten Herausgabe der Anbieterdaten hat Airbnb zwar recht gegeben, aber die Behörden kündigen weitere Bemühungen ihres Kampfes an, bei dem es darum geht, „Einwohner und Touristen zu gleich zu schützen“.

Shareconomy muss juristische Hürden nehmen

In Deutschland hat ein vergleichbarer Rechtsstreit Anfang 2014 gezeigt, dass auch hierzulande die Sharing Economy juristische Hürden zu nehmen hat. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte festgestellt, dass die tageweise Vermietung an Touristen rechtlich keine Untervermietung sei. Darum greife auch die in Mietverträgen geregelte Erlaubnis zur Untervermietung nicht – ein bezahltes Überlassen einiger Räume oder der ganzen Wohnung sei demnach dem Vermieter anzuzeigen. Im Prinzip ist einem solchen Gesuch der Mieter zuzustimmen, weil für ein Verbot der Untervermietung besondere Gründe vorliegen müssen.

Da das BGH-Urteil aber in Airbnb-Vermittlungen keine Untervermietung sieht, müsste die kurzfristige Vermietung durch den Vermieter genehmigt werden. Erfolgt diese Erlaubnis nicht und man vermietet seine Wohnung dennoch weiter, besteht die Gefahr einer Kündigung wegen Zweckentfremdung der Mietsache. Das kann bis zur Räumungsklage führen.

Und auch die Kommunen melden bereits erste Ansprüche an: Derzeit wird laut über eine Ausweitung lokaler Bettensteuern auf „Sharing-Unterkünfte“ nachgedacht. Denn die Städte sehen eine Bedrohung für ihre traditionellen Wohnungsmärkte. In Berlin gelten beispielsweise ab dem 1. Mai 2014 neue Regeln für die Kurzzeit-Vermietung der eigenen Wohnung.

Die Finanzämter bringen sich überdies ebenfalls in die Diskussion ein. Wenn nämlich eine Gewinnabsicht mit der Vermietung der eigenen Unterkunft verfolgt wird, sei dies fiskalisch als zusätzliche, zu versteuernde Einnahme zu betrachten.

Die Nutzer von Airbnb und die „Generation Shareconomy“ schüttelen angesichts solcher bürokratisch erscheinenden Ankündigungen zwar den Kopf. Fern der eigenen Haltung zum Charme des Teilen-Ansatzes lässt sich eines aber schließlich sachlich feststellen: Die Sharing-Economy wird als Konkurrenz betrachtet und ist in der Wirklichkeit angekommen. Aber nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat.

Aber ist denn wirklich von einer neuen Konsumkultur zu sprechen?

Reagiert man mit Angeboten wie den bereits erwähnten CarSharing-Lösungen nur auf einen Trend? Oder trägt man nachhaltigen Entwicklungen Rechnung? Professor Dr. Harald Hinrichs von der Leuphana Universität Lüneburg hat im Auftrag von Airbnb zusammen mit TNS Emnid 2012 die Studie „Deutschland teilt“ durchgeführt. Demnach ist bereits jeder zweite Deutsche Teil der Sharing Economy.

„Insbesondere die jüngere Generation hat die Vorteile einer Ökonomie des Teilens wiederentdeckt und belebt sie dank Internettechnologie neu“, führt Hinrichs in einer Pressemitteilung zur Studie aus. „Hier liegt großes Potenzial für eine neue Nachhaltigkeit, die auch politisch und gesellschaftlich unterstützt werden sollte.“ Die von den Befragten genannten Nachhaltigkeitsaspekte Umweltverträglichkeit und soziales Verantwortungsbewusstsein eines Unternehmens sind mittlerweile fast genauso ausschlaggebend für Kaufentscheidungen wie der Preis eines Produkts oder einer Dienstleistung.

Revolution? Bisher nicht in Sicht.

Der Forscher Hinrichs räumt aber auch ein, dass echte Umwälzungen noch nicht zu beobachten sind: „Ein revolutionärer Umbruch hin zu einer gemeinschaftlichen Konsumkultur ist nicht erkennbar.“ Demnach wächst bislang lediglich die Konsumentengruppe, die die Wissenschaft als „sozialinnovative Ko-Konsumenten“ bezeichnet. Laut Airbnb-Studie sind das immerhin knapp ein Viertel der Deutschen.

Aber dennoch: Augen auf!

Wer sich also mit den Kunden von morgen auseinandersetzt, sollte das Thema Shareconomy durchaus berücksichtigen. Am Anfang von Wertschöpfungsketten steht zwischenzeitlich aber noch zu größeren Anteilen die klassische Erstellung von Waren und Dienstleistung, die sich direkt an Kunden richten. Denn das ist auch eine Wahrheit der Shareconomy:

Nur wer etwas hat, kann auch etwas teilen.

Weitere Informationen

cambio Hamburg CarSharing

Partner des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V. für CarSharing direkt vor der Haustür

http://www.cambio-carsharing.de/

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