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Interview

Warum die Zukunft von digitalen Lösungen abhängt

Intelligente Anwendungen sind der Schlüssel für die Bewältigung der Klimakrise

Beide Themen prägen schon lange nicht mehr nur Fachkonferenzen, sondern liefern Gesprächsstoff in privaten wie beruflichen Konversationen in allen Feldern. Die Digitalisierung und der Klimawandel betreffen uns alle, weil beides in den Alltag hineinwirkt und hier zugleich entscheidende Weichenstellungen für unser aller Zukunft vorgenommen werden. Ob bei der Planung von Quartieren, der Frage nach der Energieversorgung von Wohngebäuden oder in Sachen (E-)Mobilität: Das Tandem „Digital – Klima“ ist in aller Munde. Wir haben Jörg Heynkes, Unternehmer, Speaker und Immobilienentwickler aus Wuppertal (und diesjähriger Keynote-Speaker beim Aareon Forum in Hannover), zum Zusammenhang von Klimawandel und Digitalisierung befragt.

Herr Heynkes, es gibt dieser Tage zwei Themen, die intensiv in Politik und Gesellschaft diskutiert werden: der Klimawandel und die Digitalisierung. Für Sie gehören beide Themen untrennbar zusammen. Warum hängt Ihrer Meinung nach unsere Zukunft davon ab, wie wir den technologischen Fortschritt an den großen Themen unserer Zeit ausrichten?

Wir haben drei große Themenblöcke: Das ist zum einen die Ernährung, hier insbesondere die Produktion von Fleisch, die weltweit ca. ein Drittel der CO2-Problematik ausmacht. Das ist zweitens die Gestaltung der Mobilität und der daraus resultierende CO2-Fußabdruck. Und da ist drittens das Thema der Energieversorgung. Die große Frage lautet: „Wie schaffen wir es, 7,7 Milliarden Menschen – und es werden täglich 250.000 mehr – jeden Tag mit gesunder Nahrung und der ausreichenden Menge an Energie und Mobilität zu versorgen – ohne den Planeten zu zerstören und uns die Überlebenschance zu nehmen?“

Da wirken komplexe Zusammenhänge und wir haben nur noch ein Zeitfenster von rund 10 bis 15 Jahren, die nötigen Veränderungen in diesen drei Segmenten herbeizuführen. Wir müssen hier vieles, wenn nicht alles anders machen, wenn wir im Wortsinne überleben wollen. Die Alternative wäre die Option auf weitreichenden Verzicht oder Anpassung des Konsums – aber ich halte es für unrealistisch anzunehmen, dass wir bald über 8 Milliarden Vegetarier sein werden oder alle nur noch Fahrrad fahren. Dem wirkt beispielsweise auch entgegen, dass es in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern China und Indien viele Menschen gibt, die jetzt am Wohlstand teilhaben wollen und können.

Aus all diesen Betrachtungen ergibt sich meiner Meinung nach die zwingende Folgerung: Wir brauchen intelligente und intelligent eingesetzte Technologien, um die Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Nur so werden wir die schon existierenden und absehbaren Probleme lösen können.

Hierzu passen Technologien wie In-vitro-Fleisch aus dem Bioreaktor, dessen industrielle Herstellung zwar noch einige Jahre brauchen wird – aber spürbar weniger CO2-Ausstoß zur Folge haben wird. Wenn wir Fleisch zukünftig so herstellen, werden gewaltige landwirtschaftliche Flächen frei, die bisher für den Anbau von Tierfutter genutzt wurden. Und hier ergibt sich die Option, Gemüse oder Energiepflanzen für die Biogas-Produktion zu produzieren.

Stichwort Energieversorgung: Wir verfügen längst über alle Technologien für die Umstellung unserer Energieversorgung auf 100 Prozent „Erneuerbare Energien“. Spätestens im Jahr 2022 werden diese weltweit die preiswerteste Energiequelle sein, wenn es darum geht, neue Kraftwerke zu bauen. In Deutschland sind sie das bereits. Natürlich brauchen wir noch viele unterschiedliche Speichersysteme, aber dank „power to x“ und unseres bestehenden Gasnetzes können wir unsere Energieversorgung lösen durch eine Kombination von Wind, Sonne, Wasser, Geothermie und dezentraler Kraftwärmekopplung über Blockheizkraftwerke, die mit grünem Gas versorgt werden. Manche finden die Solaranlagen auf den Dächern nicht hübsch – aber streng genommen gehört auf jedes Haus, das dafür geeignet ist, eine solche Anlage. Wenn wir überleben wollen, ist das eine logische Vorgehensweise.

Wir haben es in der Hand, schon ab morgen und hoffentlich innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten, die Energieerzeugung so umzustellen, dass wir dann die fossilen Kraftwerke abschalten können. Die Braunkohlekraftwerke im Rheinischen Revier sollten morgen abgeschaltet werden. Für unsere Energieversorgung brauchen wir sie jedenfalls nicht mehr.

Und das wirkt sich schließlich auf das Thema Mobilität aus. Eine intelligent vernetzte, digital gesteuerte dezentrale Energieversorgung verknüpft die wesentlichen Sektoren Wärme, Kälte, Strom und Mobilität in einem System. Sie schafft mehr Flexibilität für die Bereitstellung etwa von Ladesäulen für E-Fahrzeuge.

Und in der weiteren Gedankenkette müssen wir beim Thema Mobilität den Blick auf die drei großen Veränderungsschritte werfen: Zunächst wechseln wir jetzt den Antrieb und fahren bald mit einem sauberen, leisen und effizienten Elektromotor, was den CO2-Ausstoß maßgeblich senkt. Das setzt natürlich voraus, dass auch die Fabriken, in denen die Fahrzeuge hergestellt werden, mit klimaneutral erzeugtem „grünen“ Strom versorgt werden. Im zweiten Schritt wechseln wir den Fahrer. Denn Algorithmen und Roboter werden uns in Zukunft besser und sicherer fahren, als es je ein Mensch konnte. Der dritte Wechsel betrifft den Eigentümer. Nicht mehr Sie oder ich werden ein Fahrzeug besitzen, sondern der Betreiber des Schwarms.

Im Zeitalter der „Schwarmmobilität“ werden wir alle per Knopfdruck das Mobil bestellen und benutzen, das für die jetzt anstehende Fahrt das optimale ist. Mal der Einsitzer, mal der Achtsitzer, mal das Spielemobil und dann das Wellness-, Fitness- oder Schlafmobil. Wir können dadurch die Anzahl der Fahrzeuge und auch der Ressourcen dramatisch senken, weil diese nie herumstehen, sondern immer fahren werden. Wir bekommen dadurch saubere und leise Städte und gewinnen einen gewaltigen Raum zur kreativen Gestaltung. Von den ca. 150 Millionen Pkw-Stellplätzen werden wir ca. 90 Prozent zur freien Verfügung bekommen. Unsere Städte werden sich dadurch völlig neu gestalten lassen. Lebensqualität pur!

Wir haben also die Technologien, die Lösungsansätze und die Ideen – wir haben das alles in der Hand. Allerdings verschieben wir mit diesen Veränderungen Wertschöpfungsketten in ungeheuren Dimensionen – und tangieren auch etablierte Strukturen und Abhängigkeiten. Deutschland gibt jährlich ca. 70 Milliarden Euro für Öl und Gas aus dem Ausland aus. Wir sollten aber in Zukunft nicht weiter die mitunter diskussionswürdigen Oligarchen und Despoten im Nahen Osten finanzieren, sondern lieber hierzulande mit den passenden Technologien eine intelligente Revolution der Sektoren-Kopplung auf den Weg bringen. Das kann übrigens der deutsche Mittelstand, zu dem Elektriker, Dachdecker, Stadtwerke, Solarteure und andere gehören, nicht nur mitgestalten – er profitiert davon in umfassender Weise.

Aareon Forum 2019: Jörg Heynkes

Was können in diesem Zusammenhang künstliche Intelligenz (KI) und weitere neue Technologien für einen Beitrag leisten? Und können die heutigen Entwicklungen und Anwendungen das schon halten, was wir uns von ihnen versprechen?

Zunächst einmal: Künstliche Intelligenz ist – richtig angewendet – der Schlüssel in fast allen Themengebieten, um die nötigen Verknüpfungen der angesprochenen Sektoren-Kopplung zeitnah, datenbasiert und intelligent herzustellen. Es geht um bedarfsorientierte Entscheidungen in der Versorgung in Echtzeit – da brauchen wir Menschen Unterstützung. Denn die Kombination des Mix aus Fotovoltaik-Anlagen auf Dächern, dem Blockheizkraftwerk im Keller und dem Zufluss von „grünem Gas“, zumal über ausdifferenzierte Verteilersysteme ausgeliefert, ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Kälte, Wärme, elektrische Ströme – was da in Zeiten der dezentralen Bereitstellung alles zusammenkommt, ist beileibe nicht ohne. Und hier entsteht die Aufgabe für künstliche Intelligenz, uns unter die Arme zu greifen, um den Zusammenfluss schlauer zu gestalten, als wir das allein könnten. Dass sich dabei zugleich eine optimierte wirtschaftliche Effizienz ergeben kann, liegt auf der Hand.

Das führt auch zu Szenarien wie ansatzweise autonom agierende Quartierskraftwerke. Hier sind die traditionellen Stakeholder wie zum Beispiel Stadtwerke gefordert, die passenden Lösungen zu finden oder zu entwickeln. Sie müssen nur schnell genug die Aufgaben erkennen und adäquat anpacken. Das ist eine Riesenchance und eine enorme Herausforderung zugleich. Ich bin aber zuversichtlich, dass das am Ende funktionieren wird.

Sind Digitalkompetenz und Eigenverantwortung die wesentlichen Schlüsselfaktoren, wenn es darum geht, digitale Transformationsprozesse nachhaltig gestalten zu können? Oder gibt es noch andere Aspekte, auf die wir unbedingt achten sollten?

Das gilt nicht nur für den Chef der Stadtwerke, das gilt für jeden Bürger: Es geht nicht darum, sein Smartphone richtig bedienen zu können, es geht darum, erkennen zu können, welche Chancen, Risiken und auch neuen Probleme in bestimmten digitalen Anwendungen stecken.

Die Fähigkeit, das „Warum?“ und „Wie wirkt es sich aus?“ beantworten zu können, wird für Entscheider wie auch den Einzelnen wichtig sein, wenn es darum geht, künftig mitreden zu können. Eine Digitalkompetenz im Sinne eines Orientierungswissens und einer Einschätzungsfähigkeit ist gesellschaftlich betrachtet übergreifend eines der wichtigsten Themen überhaupt, unbedingt.

Es geht mir dabei nicht darum, vorzugeben, welche Entscheidung die allein seligmachende ist. Sondern darum, dass jeder für sich die passenden Dinge, Lösungen oder Produkte auswählt, die seinen Bedürfnissen entsprechen und idealer Weise auch die eingangs aufgezeigten Notwendigkeiten für eine Zukunft reflektieren. Jeder wird für sich entscheiden, ob die Nutzung von Alexa oder anderen Sprachassistenten einen echten Vorteil darstellt, ob also die drei Schritte zum Lichtschalter gefühlt einen Aufwand bedeuten oder die Sprachsteuerung des Smart Homes die bessere Lösung ist. Da werden Bequemlichkeit und Datenschutz – denn die Spracheingaben werden ja auf Amazons Servern verarbeitet – von jedem individuell gegeneinander abgewogen werden müssen. Entscheidend ist es, zu verstehen, was hier prinzipiell passiert und was meine eigene Entscheidung für Konsequenzen hat. Und genau das braucht die nötige Digitalkompetenz, nicht nur im gewählten Beispiel.

Wir dürfen es uns hierbei nicht zu leicht machen und sollten niemanden zurücklassen oder ihm die Chance geben, komplett analog bleiben zu können. Wenn wir doch davon ausgehen, dass der Einsatz digitaler Technologien entscheidend ist für die Gestaltung der Zukunft dieses Planeten, müssen wir alle Betroffenen mitnehmen – wir müssen diese „Analogen“ unterstützen, in der digitalen Welt zurechtzukommen.

Wenn Sie so etwas wie einen Leitsatz für das Handeln in Zeiten des digitalen Wandels formulieren würden, den Sie uns als Ratschlag mit auf den Weg geben: Wie würde dieser lauten?

Für die digitale Zukunft gibt es in der Zeit einer umfassenden Klimakrise aus meiner Sicht einen Dreiklang.

Erstens: Verantwortung. Wir müssen alle begreifen, dass wir gemeinsam die Verantwortung dafür tragen, die Risiken dieser vierten industrielle Revolution, in der wir uns gerade befinden, zu beherrschen und die gigantischen Chancen zu nutzen. Das können wir keiner anderen Spezies überlassen – und das gilt für jeden Einzelnen individuell wie auch für uns alle kollektiv. Wir müssen diese Verantwortung erkennen und für das eigene Handeln übernehmen.

Zweitens: Haltung beweisen. Die nächsten 10 bis 15 Jahre werden durchaus ruppig werden. Die Digitalisierung ist ein Tsunami und wird unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren in einer Art und Weise und in einer Geschwindigkeit verändern, wie wir das in der Geschichte der Menschheit noch nie erlebt haben. Das wird zu großen Umbrüchen führen und nicht alle werden damit gleich gut zurechtkommen. Wir dürfen diese Prozesse nicht – um es salopp zu formulieren – den „Irren“ da draußen überlassen, den Ignoranten und den Leugnern, die mit einfachen Antworten wie in vergangenen Zeiten schnelle Lösungen versprechen und törichte Illusionen verbreiten. Es wird Haltung und persönlichen Einsatz brauchen, um das zu verteidigen, was wir so schätzen gelernt haben: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, soziale Gerechtigkeit und den Frieden.

Und schließlich drittens: Machen. Wir leben in einem Land, in dem unfassbar viel gequatscht wird, ohne dass daraus echtes Tun resultiert. Meiner Meinung nach deshalb, weil wir nicht schnell genug vom Denken zum Handeln kommen. Wir haben aber kein Wissensproblem, wir kennen die nötigen Lösungen ja schon – nur wenden wir sie noch nicht konsequent genug an. Wir müssen also mehr ins „Machen“ kommen. Dann können wir diese gewaltigen Herausforderungen, die vor uns liegen, auch bestehen.

Zur Person:

Seit er denken kann – so sagt er von sich selbst – engagiert sich Jörg Heynkes für Projekte und Innovationen, die ihn bewegen – angefangen beim Protest gegen den Bau von Atomkraftwerken bis zur Entwicklung eines regionalen Microgrids. Der Wuppertaler ist Unternehmer aus Leidenschaft und leitet aktuell vier verschiedene Unternehmen. Er nimmt auch gerne in Kauf, dass er mit seiner klar formulierten Haltung nicht bei allen Gefallen findet. Diesen Ansatz lebt er auch als Vizepräsident der Bergischen Industrie- und Handelskammer als Strickpulli-Anhänger zwischen Anzugträgern. Heute ist der gelernte Industrie- und Werbefotograf auch als Autor, Speaker und Innovator aktiv. Er hat den Deutschen Solarpreis gewonnen, betreibt das Energienetzwerk VillaMedia und beteiligt sich an zahlreichen Forschungsprojekten zu technologischer und gesellschaftlicher Transformation. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich im Klimaquartier am Arrenberg und genießt seine Verschnaufpausen im grünen Hightech-Zuhause – zwischen Schwimmteich, Tomaten, Hühnern und Rasenroboter.


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