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Wie digital ist das Land?

Ländliche Regionen stehen vor digitalen Herausforderungen – wie lassen sich diese meistern?

Unser tägliches Miteinander wird heutzutage spürbar durch digitale Anwendungen unterstützt: Verabredungen mit Freunden finden über Messenger-Dienste wie beispielsweise WhatsApp statt, der Einkaufsbummel in der Stadt wird durch Online-Shopping ergänzt und die Pizza oder die Kinokarte werden online geordert. Online-Banking und kontaktloses Bezahlen per Handy sorgen für weitere Zeitersparnis. Die Korrespondenz mit dem Vermieter erfolgt per E-Mail oder Mieter-App. So sieht es zumindest häufig in Städten aus, in denen das Internet vielfältige, auch kurzfristig verfügbare Services zu nutzen hilft – und ein guter Ausbau mit breitbandigen Mobilnetzen alle genannten Aktivitäten von unterwegs komfortabel und im Handumdrehen möglich macht.

Gesellschaftliche Teilhabe ist heute auch digitale Teilhabe. Wie sieht es aber in ländlichen Regionen aus? Können digitale Lösungen helfen, auch außerhalb der Ballungszentren mit Hochgeschwindigkeits-Funknetzen und DSL-Anschluss „up to date“ zu sein, und welche Konzepte sorgen dafür, dass Dörfer digitaler und somit zu einem attraktiveren Wohnort werden?

Die Herausforderung: Digitalisierung in Zeiten anschwellender Datenströme

Allein an der generellen Versorgung mit Breitbandzu­gängen liegt es zunehmend nicht mehr, dass die Digitalisierung auf dem Land nicht stattfinden kann. Mittlerweile haben über 95 Prozent der bundesdeutschen Haushalte eine Anbindung mit mehr als 2 Mbit pro Sekunde, über 75 Prozent verfügen bereits über 6 Mbit. Andererseits verfügen gerade ländliche Regionen in den östlichen Bundesländern mehrheitlich nicht über die wirklich leistungsfähigen Breitbandnetze mit mehr als 50 Mbit. Und es sind die vielen datenintensiven Dienste, an die sich Menschen in der Großstadt gewöhnt haben, die angesichts der geforderten technischen Standards auf dem Land nunmehr eine Herausforderung darstellen: Während Facebook sich früher mit einer mobilen 3G-Anbindung begnügte, streikt die zur Plattform gehörende Smartphone-App bei einem solchen „Daten-Rinnsal“ mittlerweile und verlangt das schnellere LTE.

Dort, wo schnelle Funknetze nicht flächendeckend ausgebaut sind, kommt die sozial-digitale Kommunikation mit Facebook, Instagram & Co. gehörig ins Stocken. Und die Streaming-Dienste YouTube und Spotify, die insbesondere von nachwachsenden Generationen genutzt werden, sind dann ebenfalls nur erschwert nutzbar – von den datenintensiven öffentlich-rechtlichen Mediatheken oder Angeboten wie Netflix ganz zu schweigen. Entweder man fährt zu Freunden in die Stadt, um die angesagten neuen Serien schauen zu können – oder man schaut am ländlichen Wohnort buchstäblich in die Röhre. Und Gleiches gilt natürlich auch für Unternehmen im ländlichen Raum, für die das Versenden heutzutage üblicher großer E-Mail-Anhänge zu einer echten Geduldsprobe werden kann, was für die städtischen Netznutzer dagegen eine Sache von Sekunden ist.

Erfolgversprechender Ansatz: das Projekt „Digitale Dörfer“

Das Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern hat 2015 das Projekt „Digitale Dörfer“ gestartet, um die Herausforderungen des digitalisierten Lebens in ländlichen Regionen eingehend zu untersuchen. Das Vorhaben wird vom Ministerium des Inneren und für Sport Rheinland-Pfalz bis 2019 gefördert, um Antworten auf die Frage zu finden, wie das Leben auf dem Land mithilfe digitaler Lösungen attraktiver gestaltet werden kann. In einer ersten Projektphase wurden zusammen mit den Einwohnern in den drei rheinland-pfälzischen Projektgemeinden Betzdorf-Gebhardshain, Eisenberg und Göllheim in sogenannten LivingLabs konkrete Anwendungen entwickelt. Die „BestellBar“ ist ein Online-Marktplatz, der die Vorzüge des Online-Shoppings mit denen des Einkaufens beim örtlichen Händler kombiniert – denn diese präsentieren sich dort mit ihren Angeboten. Die „LieferBar“ ergänzt diese Lösung und fungiert als digital gestützter Mitbring-Service. Hier können die Bewohner sehen, welche Pakete aus der „BestellBar“ noch auf eine Auslieferung warten und diese ihren Nachbarn gleich mitbringen. Für die Zustellung erhalten die Mitwirkenden DigiTaler, die sie für andere Services wieder einlösen können.

AareonMAG: Digitales Land - Shopping
Foto: Guus BaggermansQuelle: Unsplash

IESE-Projektleiter Steffen Hess fasst die Erkenntnisse der ersten Phase zusammen: „Mit am Markt verfügbaren Apps hätten wir nicht den konkreten Gegebenheiten vor Ort entsprechen und vor allem unseren Nutzern kein zusammenhängendes Ökosystem an Lösungen bieten können. Insbesondere die Lösungen, die ein Wir-Gefühl stärken, kommen gut an. Und schon die ersten Tests zeigten, dass die Möglichkeit, regionale Produkte bestellen zu können, ganz wichtig ist.“ Diese Anforderung ist in den letzten Jahren auch in urbanen Regionen zu einem Trend geworden – das Konzept des „Support your local Dealer“ wird bei den „Digitalen Dörfern“ somit vom Motto zum Mehrwert für alle Beteiligten – denn auch die Produzenten profitieren von dem neuen Vertriebskanal.

In einer zweiten Projektphase sind die Themen Kommunikation und Mobilität hinzugekommen. Die hierfür entwickelten Lösungen bieten zum einen das Online-Nachrichtenportal „DorfNews“, das lokale Informationen wie Öffnungszeiten von Bürgerbüros, lokales Wetter u. a. schnell in Richtung Bürger kommuniziert. Mit „DorfFunk“ ist eine Kombination aus digitalem Schwarzen Brett und Tauschbörse auf den Weg gebracht worden, für das sogar der Einsatz von Chatbots erwogen wird, um Standardfragen automatisiert beantworten zu können. Für den Herbst 2018 ist die „FahrBar“-App geplant, um Mobilitätsangebote und -anfragen sowie etablierte Vorhaben wie den Bürgerbus zu vernetzen – schließlich sind die Überbrückung von Distanzen und die Fahrt in die Stadt ein wichtiges Thema in ländlichen Regionen. „Insgesamt fördern alle Lösungen den Gemeinschaftsgedanken, dessen Umsetzung im ländlichen Alltag nun eben digital unterstützt wird“, so Fraunhofer-Projektleiter Steffen Hess. „Das ist ein bisschen anders als in Großstädten – und doch mit seinen Funktionen und Verknüpfungen sehr zeitgemäß.“

AareonMAG: Digitales Land - iPhone
Foto: Adrian SavaQuelle: Unsplash

Das Beste aus beiden Welten: Perspektiven für eine urban-ländliche Vernetzung

Die Digitalisierung in ländlich geprägten Regionen voranzubringen, bedeutet auch, neben Bürgern Unternehmen mitzunehmen und Konzepte der digitalen Vernetzung zu entwickeln, die den noch nicht vollständigen Ausbau nötiger Infrastrukturen berücksichtigen. Eine ganze Reihe von Bundesländern gehen das Thema in Projektreihen und Initiativen an (siehe Infokasten am Ende des Artikels). In Nordrhein-Westfalen sind mit Unterstützung der Landesregierung zu diesem Zweck sechs sogenannte „Digital Hubs“ aufgestellt worden. In Aachen, der Region Bonn, in Düsseldorf, Köln, dem Ruhrgebiet und dem Münsterland vernetzen die Hubs Unternehmen, Wissenschaft, Institutionen, Verbände und Start-ups miteinander, um die Digitalisierung voranzubringen.

Beim Digital Hub münsterLAND sagt der Name schon, dass es sich um eine ländliche Region handelt. Für Teammitglied Sebastian Köffer liegen die Herausforderungen der Digitalisierung der Wirtschaft in Flächenregionen nicht nur in technischen Rahmenbedingungen: „Auf dem Land gibt es naturgemäß weniger Menschen, um die kritische Masse für digitale Initiativen und Projekte zu erreichen. So ist es schwieriger regelmäßige Meet-ups oder Konferenzen als Austauschplattformen für technische Themen zu etablieren. Hinzu kommen häufig weniger Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen. Dies führt nicht nur zu Fachkräftemangel in Unternehmen und Kommunen, sondern auch zu mehr Skepsis und Nörgeleien bei Bürgerinnen und Bürgern. Erst dann kommen meines Erachtens auch Faktoren wie mangelnde Infrastruktur und fehlendes Geld dazu. Beides ist aber kein Grund, sich nicht auf den digitalen Weg zu machen.“

Köffer sieht allerdings auch Vorteile und knüpft bei einigen Beobachtungen an das an, was Steffen Hess beim Projekt „Digitale Dörfer“ gelernt hat: „Die Umsetzung auf dem Land ist nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Hier kommen die Stärken der ländlichen Regionen ins Spiel: Man kennt sich! Vernetzung und Kooperation von unterschiedlichen Interessengebern sind hier eine Chance, um positive digitale Erlebnisse für Bürgerinnen und Bürger zu schaffen. Das kann eine App sein, ein digitales Gemeinschaftsprojekt oder ein kleiner Technologie-Campus, um gemeinsam Fachkräfte anzuziehen, z. B. Familien und Berufserfahrene, die sich in der Stadt kein Eigentum mehr leisten können und wollen.“ Auf die Frage, welchen Ansatz er für wegweisend oder beispielgebend erachtet, wird deutlich, dass in der Kombination und Vernetzung der Vorzüge urbaner und ländlicher Regionen ein Schlüssel für den Erfolg liegen könnte: „Mich faszinieren kleine kooperative Projekte, die aus Nutzersicht gedacht werden. Beispielsweise entwickeln sich in Brandenburg rund um Berlin viele Gemeinschaftsbüros: ruhig gelegene, günstige Büros mit guter Verkehrsanbindung in die Hauptstadt. Wer würde da nicht gerne arbeiten? Hier steckt auch für das Münsterland mit der angrenzenden Metropolregion Rhein-Ruhr viel Potenzial. So kommen Stadt und Land auch wieder zusammen.“ Die abschließende Feststellung von Sebastian Köffer (man hätte sich übrigens als Schlusssatz nichts Besseres ausdenken können) ist geradezu programmatisch für alle kommenden Projekte à la „Digitale Dörfer“ und zeigt auf, dass durch den Schulterschluss zwischen Stadt und Land die digitale Entwicklung ländlicher Regionen zum Erfolg werden kann.

Weiterführende Infos zur Digitalisierung in ländlichen Regionen

Das Projekt „Digitale Dörfer“ des Fraunhofer Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE)
www.digitale-doerfer.de

Website des Digital Hub münsterLAND
www.digitalhub.ms

Studie der Bertelsmann-Stiftung „Digitale Zukunft auf dem Land“
http://bit.ly/BertelsmannDigitaleZukunftLand

Digitalisierung in Niedersachen – Chancen für den ländlichen Raum
http://bit.ly/DigitalisierungNiedersachsen

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Breitbandentwicklung in den ländlichen Räumen:
http://bit.ly/BreibandversorgungBMEL

Projekt „Digitales Dorf“ des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie:
https://digitales-dorf.bayern